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Larry Rottan

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Erzählungen von Wolf D. Schreiber über den Protagonisten Larry Rottan

Beeinflusst von Charles Bukowski, Social Beat, Trash/Underground und Heftromanen

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Larry Rottan – The Louisa Trilogy

Trivialgroteske

Menschenfleisch
Louisa Louisana ist Malerin und arbeitet an einer Ausstellung zum Thema Kannibalismus. Als Berater gewinnt sie Larry Rottan für dieses Unterfangen. Dann taucht das Gerücht auf, in Gießen gibt es Menschenfleisch auf dem Markt zu kaufen. Louisa und Larry verfolgen diese Spur und Louisa wird mit ihrer Vergangenheit konfrontiert.

Sex mit Gießkannen
Fetische sind das Thema Louisas nächster Ausstellung. Victoria wird auserkoren, die Ideen von Larry und Louisa auszuprobieren.

Tornadojäger
Es stürmt seit Tagen in Gießen. Dann kommen Tornadojäger in die Stadt. Larry, Louisa und Victoria suchen ihre Bekanntschaft. Eine Begegnung, die sie bereuen werden.

Erschienen August 2018
94 Seiten
ISBN 978-3-7427-2539-4

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LESEPROBE

Larry Rottan - Louisa Trilogy

Part I: Menschenfleisch

Montag

Louisa Louisana war pünktlich. Larry saß bereits an der Theke des Biergartens und schlürfte ein Mineralwasser. Es war fünf Uhr nachmittags und noch zu früh für ein Bier. Der Biergarten war eine ganz normale Kneipe, wo man im Sommer auch draußen sitzen konnte, weshalb alle Leute das Etablissement einfach nur Biergarten nannten.
»Hi, Du bist Larry?«
»Ja.«
»Freut mich Dich kennenzulernen.«
Louisa nahm auf dem Hocker neben Larry Platz. Sie hatte ihn vor einigen Tagen auf Facebook angeschrieben. Sie benötige Hil­fe für ein Ausstellungsprojekt, und Phil, einer der Kellner im Biergarten, hatte ihr Larry als Berater empfohlen.

Larry trank einen weiteren Schluck Wasser und betrachtete Louisa. Für eine Frau war sie ziemlich groß, bestimmt 1,80 m, schätzte Larry, hatte lange dunkle Haare, die sie offen trug, und war ein wenig mollig. Und, was Larry sehr schnell auffiel, sie trug unter ihrem rosafarbenen Kleid keinen BH. Sie war ihm sowohl im Biergarten als auch bei diversen Ausstellungseröffnungen aufgefallen, aber bislang hatte er sie nie persönlich kennengelernt. Was Larry durchaus ärgerte, da sie sehr attraktiv war. Umso erfreuter war er über ihre Anfrage.
»Dann erzähl doch mal, um was für eine Ausstellung es geht, und wie ich Dir behilflich sein kann.«
»OK, ich versuche es erst mal mit der Kurzfassung. Also, ich studiere Kunst an der Akademie in Frankfurt, stehe kurz vor meinem Abschluss, und im Rahmen dessen plane ich eine Ausstellung.«
»In Frankfurt?«
»Ja, aber ich will auch hier in Gießen ausstellen. Mein Atelier ist hier, ich lebe zeitweilig hier.«
»Und wie lautet Dein Thema.«
»Kannibalismus.«
»Ah, ok. Und da meinte Phil, ich könne Dir weiterhelfen?«
»Das hoffe ich. Meine Kommilitonen wollen alle was Politisches machen, also zur aktuellen Weltlage, und so was halt. Meine Freunde hier reagieren alle mit 'Iiiihhh, Horror, was willst Du denn damit?', und so ähnliche Reaktionen. Und dann erzählte Phil, dass Du ein Literaturprojekt in der Richtung vorhast, berichtete von Zombie-Songs, die Du wohl singst, und dann habe ich Dich einfach auf Facebook angeschrieben. That's the story. Bislang.«
»Ja, Zombie- und Vampirlieder habe ich in meinem Repertoire. Kannibalistisches bislang nicht. Aber ich habe ein paar trashige Romane zu dem Thema gelesen. Edward Lee, oder Shane McKenzie zum Beispiel, falls Dir das was sagt.«
»Nein, ich bin, was Horrorliteratur anbetrifft, ziemlich unbedarft. Ich habe mal einen dystopischen Film gesehen, wo die Leute anfingen sich gegenseitig aufzufressen. Und ich denke, aus dem Thema kann man was machen. Meine Ausstellung soll schrill und poppig sein, aber auch Tiefgang haben. Ich möchte mich allerdings gar nicht so tief in die Materie einlesen, sondern suche jemanden, der das für mich macht und aufarbeitet, und hilft knackige Motive zu entwerfen. Die ich dann wiederum in Gemälde umsetzen kann.«

»Du malst? Klassisch mit Öl?«
»Ja, ich bin, was die Technik anbetrifft, eher traditionell orientiert.«
»Hört sich cool an. Aber was habe ich davon, eine Beraterrolle im Hintergrund auszufüllen?«

»Mit der Frage habe ich natürlich gerechnet, und ehrlich gesagt, habe ich da noch keine attraktive Antwort darauf. Bezahlen dafür kann ich Dich nicht. Ich wollte erst mal sehen, ob Du überhaupt Interesse, und auch Zeit hättest, und na ja, wollte Dich erst mal kennenlernen, bevor ich mir ein Angebot ausdenke.«

Larry lächelte.
»An der Zeit soll es nicht scheitern, bin zurzeit arbeitslos, und solange mich das Jobcenter in Ruhe lässt, kann ich mich kreativ austoben.«
Nun lächelte auch Louisa.
Larry schaute nach Helena, der Inhaberin des Biergartens, die heute auch selbst bediente.
»Wollen wir ein Bier trinken, Louisa?«
»Für mich nur Cola-Wodka, das pusht mehr. Ich habe auch heute nicht viel Zeit, ich muss noch fristgerecht ein paar Formalien für die Akademie aufarbeiten.«
Helena servierte unterdessen die gewünschten Getränke.
»Ach so, ich habe auch mit Victoria über Dich gesprochen, und sie schlug vor, dass Du vielleicht die Ausstellung musikalisch und/oder literarisch begleiten könntest.«
»Ihr seid befreundet?«
»Ja, sie besucht mich öfters in meinem Atelier.«

Victoria La Bello, die Kultur-Queen. Larry schwärmte für sie, seit dem er sie vor ein paar Jahren kennengelernt hatte. Sie hatte in allem, was irgendwie mit Szene und Kultur zu tun hatte, ihre Finger drin. Larry unterhielt sich ab und an mit ihr, war aber überrascht über ihre Empfehlung. Bislang dachte er, dass sie kaum was aus seinem Repertoire kannte. Die Aussicht, ihr über dieses Projekt näher kommen zu können gefiel ihm und war ein Argument, sich auf Louisas Idee einzulassen.

»Cheers.«
»Salut.«

»Ich würde gerne Deine bisherigen Arbeiten sehen, damit ich eine Vorstellung davon habe, was Du so machst. Ich habe mal was bei einer Gruppenausstellung von Dir gesehen, aber ehrlich gesagt, ich kann mich nicht mehr so wirklich erinnern.«

»Das macht nichts. Bei meinen bisherigen Ausstellungsbeteiligungen habe ich ganz anderes gezeigt, als was ich nun vorhabe. Aber ich kann Dir in meinem Atelier ein paar Arbeiten zeigen, die meine neue Richtung vorgeben.«
»Ich bin gespannt.«
»Ich freue mich darauf. Nun muss ich allerdings los. Hast Du morgen gegen Abend Zeit. Bis dahin müsste ich mein Pflichtprogramm erledigt haben.«
»Ja. Wo ist Dein Atelier?«
»Ich habe eine Kelleretage im Asterweg. Gegenüber dem Gewerkschaftshaus.«
»Dann weiß ich schon wo. Kenne einen Deiner Vormieter dort. Die Location ist klasse.«
»Ja. Dann morgen gegen zwanzig Uhr?«
»Ok.«

Louisa trank ihren Wodka-Longdrink aus, gab Larry einen Kuss auf die Backe, nicht ohne ihren Busen fest an seine Brust zu drücken, und verschwand.

Helena grinste.
»Na, Larry, 'ne neue Freundin gefunden?«
»Kennst Du Louisa?«
»Flüchtig. Sie ist ziemlich schrill. Studiert in Frankfurt seit ein paar Jahren, hat dort auch eine Wohnung. Weiß nur, dass sie vor dem Studium ein paar Jahre unterwegs war. Hat erst spät an der Akademie angefangen. Sie ist hierzulande öfters mit Victoria unterwegs. Daher kenne ich sie.«

Larrys Etat gab noch ein zweites Bier her. So bestellte er ein weiteres helles tschechisches aus der Flasche, sinnierte über Louisa und was sie an dem Thema Kannibalismus wohl interessierte. Währenddessen wurde Helena von ihrer Bedienung Mercedes abgelöst.

Victoria betrat den Laden.
»Hey, Helena, bist Du fertig? Wir sind schon spät dran.«
Sie hatte ihre langen Haare wie immer hochtoupiert, sah aus wie eine Reinkarnation von Siouxie von den Banshees, aber in hellblond.
»Hey Victoria.«
»Sorry, Larry, keine Zeit. Wir sind in Eile.«
»Was geht ab?«
»Vernissage in Frankfurt. Und wir müssen den Zug nehmen. Mein Auto ist in der Werkstatt.«
Endlich kam Helena aus der Küche des Biergartens.
»Süße, wir können.«

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Dienstag

Es war später Nachmittag, als Larry an der Tür von Louisas Atelier klingelte.
»Hi Larry, wie geht's?«
»Hi Louisa.«
»Komm rein.«
Er betrat einen langgezogenen Raum, fast wie eine kleine Halle, und er fühlte sich wie in einer Galerie. Rechts und links hingen Dutzende von Fotos, weiter hinten erspähte er Gemälde.
»Wow.«
»Sieh Dich ruhig erst mal um. Was magst Du trinken?«
»Hast Du ein Bier und etwas Cola?«
»Habe ich mir fast gedacht. Zumindest das Bier. Extra besorgt. Und Cola habe ich immer vorrätig.«
Larry betrachtete die Fotos. Sie zeigten zumeist indigene Menschen in Wald oder Dorf-Szenarien. Dazwischen Motive, die nach Slums aussahen.

»Ich habe einige Jahre in Brasilien gelebt«, erläuterte Louisa.
»Ist allerdings schon ein Weilchen her. Weiter hinten findest Du meine aktuellen Arbeiten. Heute male ich nur noch, das Fotografieren interessiert mich seitdem in Deutschland nicht sonderlich.«

Larry öffnete die Dose Bier, die sie ihm gereicht hatte, trank einen Schluck ab, und goss einen Schuss Cola hinterher. Sie gingen in den hinteren Teil des Raumes, wo es eine gemütliche Sitzecke, bestehend aus einem gelben und einem roten Sofa, gab.

Ihre Gemälde waren schrill, farbintensiv und wild. Ihr Œuvre bestand teils aus Vampiren, teils aus surrealen Horrorvisionen.
»Cool, gefällt mir.«
»Freut mich zu hören, Larry. In diesem Stil möchte ich auch weiterarbeiten.«
»Und jetzt das Thema Kannibalismus. Warum?«
»Kann ich Dir gar nicht so einfach begründen. Fiel mir im Übrigen auch schwer, meinen Prof. von der Akademie davon zu überzeugen. Er hat auch ein paar Zusatzbedingungen formuliert. Aber dazu später.«
»Hat Deine Wahl auch mit Deinem Brasilien-Aufenthalt zu tun?«
»Ja, zumindest ein bisschen, oder vielleicht auch ein bisschen mehr. Habe dort viele Rituale kennengelernt. Rituale für alle möglichen Lebenssituationen.«
»Und wo malst Du? Ich sehe hier nur Deine private Galerie?«

Sie zeigte auf einen Durchgang. Davor standen einige Paare mit Farbe verschmierter Pantoffeln.
»Dort ist noch ein weiterer Raum. Fensterlos. Ich arbeite nur mit Kunstlicht. Den bekommst Du frühestens morgen zu sehen, und auch nur, wenn ich Deine Zusage habe.«
»Warum so geheimnisvoll?«
»Ist kein Geheimnis. Nur eines von meinen Ritualen. Ich male grundsätzlich nur nackt. Und Leute, die mit mir diesen Raum betreten, müssen auch nackt sein. Die einzige Bekleidung, die ich erlaube, sind Pantoffeln, weil der Boden sehr mit Farbe verklebt ist.«

Larry schmunzelte und ihm fiel auf, dass sie auch heute unter ihrem Schlabber-T-Shirt keinen BH trug. Louisa schien seine Blicke bemerkt zu haben.

»Ich hoffe, die Aussicht mich unbekleidet zu sehen, ist nicht Deine einzige Motivation mir zu helfen.«
»Da musst Du mir schon ein wenig mehr bieten. Aber was stellst Du Dir denn genau vor.«

»Kannibalismus ist für mich etwas Mystisches, von dem ich eine vage Vorstellung habe. Etwas, das mich teils fasziniert, teils verschreckt, aber auch durchwühlt. Ich kann es nicht wirklich gut beschreiben, aber das Thema spukt schon lange in meinem Kopf. Und wenn ich mir Gedanken um konkrete Motive mache, oder einfach nur recherchieren möchte, schweifen meine Gedanken immer ab.«
»Ich verstehe.«
»Ich brauche jemanden, der mir klare Vorgaben für meine Bilder macht. Also inhaltlich. Die stilistische Umsetzung ist ganz allein meine Sache. Da lass ich mir nicht hereinreden.«
»Aha.«

»Ja, und dann halt die Vorgaben von meinem Prof. Er möchte, dass ich meine Werke auch begründen kann. Und er hat zwei Stichworte genannt, die ich dabei berücksichtigen soll.«

»Und die wären?«
»Kontingenz und Konsistenz.«

»Ähm, ja, der Zusammenhang erschließt sich mir nicht auf Anhieb.«
»Mir auch nicht. Ich habe mich mit beiden Begriffen auch noch nicht auseinandergesetzt. Kunsttheorie und Philosophie gehören nicht zu meinen Stärken.«
»Zu meinen auch nicht unbedingt. Was genau erwartest Du von mir?«
»Ich dachte daran, dass Du mir 10 bis 12 konkrete Szenarien für Bilder entwickelst. Also bestimmte Motive, Szenen, Personen, vielleicht Stillleben, so was in der Art. Zu jedem Werk könntest Du einen kleinen, na ja, mittellangen Text schreiben, und das Gesamte soll einen sowohl subjektiven als aber auch repräsentativen Überblick zu Geschichte und Facetten das Kannibalismus werden. Daraus könnte ein Katalog werden. Dachte, das wäre für Dich auch ein Renommierprojekt.«

»Wo wirst Du ausstellen?«
»In Frankfurt am Städel und hier in Gießen im Kulturzentrum in der ehemaligen Stadtbibliothek.«
»Wie bist Du da rangekommen, vor allem mit dem Thema?«
»Hat mein Prof. arrangiert.«
»Und hast Du auch ein finanzielles Angebot für mich?«
»Ja. 20 % von jedem Gemäldeverkauf und 50 % vom Kataloggewinn.«
»Kataloge sind teuer in der Produktion. Da fällt nicht viel ab.«
»Ok, 25 % von jedem Gemäldeverkauf. Aber dann brauch ich Dich die nächsten 2 Wochen exklusiv.«
»In 2 Wochen willst Du fertig sein?«
»Ja, ich male sehr schnell. Pro Bild rechne ich einen Tag. Hier in Gießen findet die Ausstellung erst in zwei Monaten statt, aber für Frankfurt muss alles viel früher fertig sein.«
»Sehr ambitioniert.«
»Außerdem, wenn Du magst, kannst Du das Programm der Eröffnungen mitgestalten, zum Beispiel musikalisch, oder was immer Du gerne machen möchtest.«
»Kann ich hier bei Dir arbeiten? Hast Du Laptop und WLAN? In Anbetracht der knappen Zeit ist es sicherlich von Vorteil, wenn wir uns möglichst viel austauschen können. Vor allem um Deinen Arbeitsstil kennenzulernen, zu verstehen, was Dir so zusagt, na ja, und so weiter.«
»Den Vorschlag finde ich ok. Denke, finde dann auch schneller Vertrauen zu Dir, wenn ich sehe, wie Du Dich reinhängst.«

Sie grinste und trank einen großen Schluck Cola-Wodka.
»Dann schau doch morgen um zwei hier vorbei. Ich habe morgen und übermorgen schon einen Plan, was ich mache. Für Freitag bräuchte ich Deinen ersten Vorschlag.«
»Gut, abgemacht.«
»By the way, Getränke und eine Kleinigkeit zum Essen sind inklusive.«
Larry verabschiedete sich und ging zum Ausgang.
»Äh, Larry, meinst Du, Du kannst mir morgen diese beiden blöden Begriffe irgendwie verständlich machen?«
»Du meinst Kontingenz und das andere? Konsistenz?«
»Ja.«
»Ich versuchs.«

[…]

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Larry Rottan – The Trisha Trilogy

Trivialgroteske

Larry Rottan verliebte sich auf den ersten Blick in die Chaos-Queen Trisha Petting. Ein zunächst spannendes Abenteuer entwickelt sich für ihn bis hin zur Selbstaufgabe. Eine Trash-Geschichte in der Tradition von Sex and Drugs and Rock'n'Roll.

Part I: Maniacs
Trisha Petting erwacht eines Morgens mit einem frischem Tattoo und kann sich nicht an dessen Herkunft erinnern. Larry Rottan macht den Urheber ausfindig und gemeinsam begeben sie sich auf die Suche.

Part II-A: Nightmares
Depressionen, Alkohol, Albträume, ein Suizid-Versuch und ein Autounfall.

Part II-B: Avengers
DJane Linda Lamenie nimmt Rache.

Part III: Mysteries
Täglich wiederkehrende Visionen.

Erschienen April 2016
99 Seiten
ISBN 978-3-7380-6309-7

 

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LESEPROBE

Larry Rottan - The Trisha Trilogy

Part I: Maniacs

Track 1 – The Beginning

SAMSTAG
»Die Antilope ist im Curry«. Mit diesem vollkommen unwissenschaftlichen und themenfremden Zitat aus The Big Bang Theory beendete Larry seinen Text. Nachdem er weder als Fotograf noch als Gelegenheitskünstler Aufträge bekam, wechselte er ins journalistische Metier. Vor ein paar Jahren hatte er begonnen sich intensiv mit Volkswirtschaft zu beschäf­tigen und bekam nun ab und an kleinere Aufträge für Essays und Kommentare. Zusammen mit ein paar Euro Aufstockung ermöglichte es ihm ein bescheidenes Auskommen. Gerade schrieb er einen Gastartikel zur Europa-Krise für einen kleinen aber recht renommierten Wirt­schafts­blog. Unbezahlt, aber vielleicht eine gute PR für ihn, um auch überregional ins bezahlte Geschäft zu kommen.

Larry klappte den Laptop-Deckel hinunter, nahm die E-Zigarette vom Ladegerät, füllte etwas Liquid Geschmacksnote US-Tobacco nach und griff nach seiner Lederjacke. Dann ging er hinaus in die laue Sommer­nacht.

Im Club gab's ein Konzert der The Toilette Dog Fuckers. Sie spielten eine Mixtur aus Old-School-Punk und ElectroClash. Trisha Petting, die Sängerin, hatte struppiges schulterlanges schwarzes Haar mit ein paar roten Strähnen. Sie war groß gewach­sen mit breiten Hüften, sehr sexy. Mit ihr auf der Bühne standen Linda Lamenie, die kleine dunkelhaarige Bassistin, Stock Le Stock an der Gitarre und Carl Krauss-Levins­ky, der unscheinbar wirkende Programmer an den Drum- und Loop-Machines. Für ihren sehr minimalistischen Sound war er vollkommen überinstrumentiert, und auch visuell passte seine Technikverliebtheit nicht so wirklich zum Rest der Band, die doch eher einen rauen und dreckigen Sound bevorzugte.

Larry nahm sich vor, sie auf eine Fotoses­sion anzusprechen. Wieder einmal, zwei Anläufe hatte er schon gestartet; jedes mal fand sie seine Ideen gut und versprach sich zu melden; aber nichts in der Art ge­schah. Trotzdem wollte er es noch einmal ver­su­chen; sie gefiel ihm irgendwie. Sie war aufgedreht, agil und immer unter­wegs, und damit eigentlich so gar nicht Larrys bevorzugter Frauentyp, aber, wie gesagt, irgendwas an ihr faszinierte ihn. Und ge­mein­same Fotoshootings waren immer eine gute Gelegenheit, einer Frau etwas näher zu kommen.

Dann betrat Murka den Club. Blonde, ge­lockte Haare, hellblaue Bluse, grüne Hot­pants. Sie begrüßten sich herzlich, aber wie immer von ihrer Seite auch leicht dis­tanziert; von ihr ging sofort eine bis-hier­hin-und-nicht-weiter-Grenze aus. Vor ei­ni­gen Wochen hatte Larry allen Mut zu­sam­men genom­men und sie angebaggert. Sie mochte ihn, aber eben auch nicht mehr, er war für sie kein Kandidat für ei­nen OneNighter. Sie tranken zusammen 'ne Diet Coke, Murka gönnte sich einen kleinen Absinth dazu. Larry hingegen hatte im Laufe der Jahre jeglichem Alkohol voll­kommen abgeschworen. Gesund­heit­lich konnte er sich das alles auch nicht mehr erlauben. Auch so fielen ihm die gele­gent­lichen Abstecher ins Nachtleben immer schwerer.

Sie setzten sich an einen kleinen Tisch und sprachen über dies, über jenes. Nach einer Weile betrat Steve den Club und setzte sich zu ihnen. Er legte in verschiedenen Läden dieser Stadt auf und genoss dem­ent­sprechend einen hohen Bekannt­heits­grad. Murka schwärmte für ihn und begann sofort mit ihm zu flirten. Larry hingegen verfluchte ihn in diesem Moment. Er be­stellte eine weitere Diet Coke. Einige Small­Talk-Runden später musste er aufs Klo.

Auf dem Rückweg kam ihm Trisha entgegen getorkelt. Sie stolperte und fiel ihm in die Arme:
»Du willst mich fotografieren? Hast Du eine Kamera einstecken?«. Larry hatte; trotzdem fühlte er sicher­heits­halber an die entsprechende Tasche der Lederjacke, in der er immer eine kleine Kompaktkamera mit sich führte, und nickte ihr zu.
»Komm mit«,
flüsterte sie. Durch das Kellerlager und den Hinteraus­gang verließen sie den Club. Draußen angekommen steuerte sie zügig und wortlos auf einen grünen Kleinwagen zu. Larry kannte sich nicht mit Autos aus. Ob das also ein Ford, ein Opel oder was auch immer war, entzog sich seiner Kenntnis. Mittels einer einladenden Geste signa­li­sier­te sie ihm einzu­stei­gen.

Der Motor heulte auf und unbeholfen legte Trisha den Gang ein. Sie gab Gas. Wortlos raste sie Rich­tung Stadtausgang. Ihr Torkeln vorhin und ihr Fahrstil jetzt, Larry fühlte sich unbehaglich angesichts dessen, neben einer vermeintlich volltrunkenen Fahrerin zu sit­zen. Sie redete kein Wort mit ihm, statt­dessen schimpfte und fluchte sie über so ziemlich jedes andere Auto, das gerade unterwegs war. Eini­ge Minuten außerhalb bog sie mit quietschenden Reifen in einen Waldweg ein. Hundert Meter weiter stopp­te sie und schnaufte tief durch. Die Innen­be­leuchtung des Wagens ging an. Sie lächel­te ihn ver­führerisch an, beugte sich zu ihm rüber und küsste ihn. Nur kurz, aber in­ten­siv. Larry, voll­kom­men über­rascht, wollte sie gerade umarmen, als sie sich ihm wieder entzog.
»Der Kuss sollte Dir nur bewei­sen, das ich nicht betrunken bin, wie Du vermutlich annimmst. Du wirst bemerkt haben, das ich keine Fah­ne habe«.
Wofür gibt's Wodka, grinste Larry in sich hinein. Aber in der Tat wirkte sie mit einem Mal kühl und tatsächlich nüchtern. Sie schauten sich einige Sekunden an. Sie zog sie ihren Rock hoch und streif­te einen weißen Slip über ihre Schenkel hinab und zog ihn aus. Dabei schaute sie ihn ernst an.

Trisha spreizte die Beine, so gut es auf dem Fahrersitz des kleinen Wagens ging. Sie hatte unterschied­liche Tattoos, überwie­gend Motive aus Flora, Fauna und Mystik, wie Larry vermutete. Auf der Innen­seite ihres rechten Oberschenkels, ganz nah an ihrer Muschi war jedoch ein Tattoo von erstaunlicher geometrischer Regelmäßig­keit. Es bestand nur aus Rechtecken, und die Farbintensität ließ Larry vermuten, dass es ziemlich frisch war. Und genau auf dieses Tattoo zeigte sind nun: »Fotografier es, bitte«. Das bitte sagte sie mit sehr leiser Stimme einige Sekunden später. Larry be­schloss, erst mal nicht nachzufragen und zog die Kamera aus der Jackentasche. Er wählte eine der nicht allzu hellen Innenbe­leuch­tung angemessene Verschlusszeit und beug­te sich zu ihr rüber. Er legte seine Hand mit der Kamera auf ihren rechten Schenkel und fixierte das Motiv an. Kaum hatte er dreimal den Auslöser betätigt, zog sie sanft seine Hand beiseite, schloss die Beine und zog den Rock hinunter.

»Übermorgen ist Montag. Wenn Du dann mit mir vögeln willst, und ich weiß dass Du scharf auf mich bist, finde heraus, was das Motiv bedeutet. Ich weiß nur soviel: es ist vielleicht das Logo einer Firma oder so, mehr kann ich Dir nicht sagen«.
Sie startete den Motor.
»Ich setze Dich jetzt an der Auto­bahn­auffahrt ab. Dort ist eine Bus­hal­te­stelle, von da kommst Du in die City zu­rück. Wenn Du es raus gefunden hast, und nur dann, schreib mir auf Facebook, wo ich Dich Montag abend abholen kann«.
Larry wollte gerade zu einer Frage ansetzen.
»Und stell jetzt keine Fragen. Halt einfach die Klap­pe«,
herrschte sie ihn an. Fünf Sekun­den darauf ein leises »Bitte«.

Wenige Minuten später stoppte sie an derer Abzweigung, Larry stieg aus. Trisha fuhr los, und stoppte nach einigen Metern. Das Bei­fahrerfenster ging auf. Sie schien etwas sagen zu wollen, aber beließ es dann doch bei einem kurzen Lächeln. Und dann war sie schon Richtung Autobahn ver­schwun­den.

Zurück im Club. Murka saß noch immer an dem kleinen Tisch. Sie war alleine, und so setzte sich Larry zu ihr.
»Wo warst Du?«
fragte sie ihn.
»Hättest Dich ruhig abmelden können«.
Larry fiel nur ein etwas mürrisches
»Erzähl ich Dir nachher!«
dazu ein. Er bestellte eine Diet Coke.
»Hat Dich Steve nicht unter­hal­ten?«
Ihre Blicke waren eindeutig ge­nervt.
»Ich muss kurz nach Hause. Bist Du in einer halben Stunde noch da?«
Mehr als ein gelangweiltes Achselzucken bekam er nicht zur Antwort.

Zuhause lud er die Fotos von Trishas Tattoo auf den Laptop. Er stellte das Motiv frei und machte einen Ausdruck, den er zweimal faltete und in der Innentasche seiner Leder­jacke verstaute. Er machte sich auf den Weg zurück zum Club. Murka war gegangen. Doch im Moment war das Larry sogar recht, seine Gedanken waren sowieso woanders. Der Wirt stellte ihm eine Diet Coke hin. "Steht hier schon seit 'ner halben Stunde für Dich." "Danke". Larry suchte einen freien Hocker und nahm den gefalteten Ausdruck aus der Jacke, doch hier brauchte er sicher­lich niemanden zu fragen, was es mit dem Logo auf sich hatte. So trank er schnell aus und machte sich wieder auf den Heimweg.

SONNTAG
Gegen Mittag erwachte Larry; er war ausge­schlafen, das Wetter angenehm. Neben dem Bett der Laptop, auf dem Screen das Foto mit Trishas Tattoo, und ihrer Pussy. Larry musste sich zwingen den Laptop zuzu­klappen und aufzustehen. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wie er vorgehen sollte. Und er hatte noch weniger Ahnung, warum Trisha überhaupt ihm diese Aufgabe gestellt hatte. Seit dem gestrigen Erlebnis wollte er nur eins: mit Trisha vögeln. Nach einer kur­zen Dusche ging er Baguette und Kaffee kau­fen; dann frühstückte er. Er las ein paar neue Artikel der wichtigsten Wirtschaftsblogs.

Eine gute Stunde später machte er sich an die Recherche. Larry benutzte dazu gerne einen Fake-Account bei Facebook und anderen Social-Media-Diensten wie tumblr oder Instagram. Sein Kalkül lautete, das bear­bei­tete Foto mit dem Logo in möglichst vielen Facebook-Gruppen kommentarlos zu posten und schauen was passiert. Sollte es sich dabei um das Logo einer Firma oder Gruppierung handeln, die öfters unan­ge­nehm auffiel, so würde sich Larry den Unmut der Gruppenteilnehmer auf sich ziehen, und was viel wichtiger war, erregte Kommentare ernten, in denen jemand den Namen des Logo erwähnen würde.

Larry benötigte rund vier Stunden, um das Foto in rund 100 deutsch- und englisch­sprachigen Seiten zu Wirtschaft, Politik, Philosophie, Zeitgeschehen, Sport und an­de­res zu verstreuen. Doch während die­ser Zeit gab es keine einzige Reaktion; auch hatte ihn kein Gruppenadmin rausge­schmis­sen. Seltsam, selbst Geheimbünde und kri­mi­nelle Organisationen, über die man an­sonsten nichts wusste, hatten in der Regel ein Logo, das zumindest Insidern bekannt war.

Während des gesamten Nachmittags ging ihm Trisha nicht aus dem Kopf. Vor ein paar Wochen hatte er sie mal in der Wohnung eines Freundes getroffen. Sie tauchte plötz­lich dort auf, stellte wie ein Wirbelwind alles auf den Kopf, amüsierte sich. Er kam, außer ein paar Worten Smalltalk nicht dazu, mit ihr zu sprechen. Aber, obwohl er sie flüchtig schon seit Jahren kannte, hatte sie ihn an diesem Tag irgendwie angetriggert. Er hatte seitdem sehr häufig an sie denken müssen. Vielleicht nicht häufiger als an Murka, die er vergebens versuchte zu verführen. Seit dem gestrigen Abend war nun Trisha omniprä­sent in seinem Kopf. "... und ich weiß, das Du scharf auf mich bist ..." lauteten ihre Worte. Wusste sie es wirklich, oder war es nur ein Spruch, um ihn zu ködern. Warum überhaupt er? Wie kam sie darauf, das er in der Lage sei, das Geheimnis dieses Logos zu lösen? Warum trug sie dieses Logo? Wurde es ihr gegen ihren Willen eintätowiert? Viele Fragen, zu viele Fragen.

Das Dilemma war, hier ging es nicht um einen blöden Auftrag, um ein paar Euros, um irgendwas, was einen nicht ärgern muss­te, wenn es nicht hinhaute. Zuge­ge­ben, er mochte solche Rätsel, aber vor allem war er jetzt wirklich scharf auf Trisha. Und, wenn er es nicht hinbekam, würde sie ihm bestimmt keine zweite Chance geben. Ein innerer Druck baute sich auf. Larry musste sich hinlegen. Er onanierte.

Am Abend versuchte er sich vor dem Fern­seher mit dem neuen Tatort abzulenken. Von seinem Bett aus hatte er sowohl den Fernseher als auch seine Rechner gut im Blick. Auf den beiden Laptopbild­schirmen war Facebook geöffnet, auf dem linken sein normaler Account, auf dem rechten sein Fake­zugang. Den Krimi und die parallele Diskussion im Freundeskreis über diese Episode nahm er kaum wahr; auf eine Reaktion auf sein Logo-Posting wartete er vergebens.

Larry schaltete den Fernseher aus und ging in den Club. Er hoffte auf laute Musik, die sein Hirn etwas zudröhnen könnte. Der DJ tat ihm ungefragt diesen Gefallen.

Später zuhause immer noch keine Reaktion. Mehr aus Verzweiflung postete Larry das Foto auf seinem öffentlichen Account und hoffte, daraufhin keine unangenehmen Fragen beantworten zu müssen.

MONTAG
Larry erwachte gegen zehn. Erstaunlicher­weise hatte er gut durchgeschlafen, das ge­lang ihm in letzter Zeit eher selten. Sofort schweifte sein Blick zu den Rech­nern. Erste Enttäuschung, immer noch keine Reaktion in seinem Fake-Account. Auf dem anderen Laptop sah er zunächst in seine Emails, dann auf Facebook. Er hat­te diverse Rück­meldungen zu Kommen­ta­ren und Postings, und siehe da, auch eine auf das Foto mit dem Logo. Sie kam von Angela, einer Freun­din aus früheren Zei­ten, die schon seit vie­len Jahren in Neu­see­land lebte.
Sie schrieb:
»Hey, das sieht aus wie die Schmierereien von den Maniacs aus meiner Nachbar­schaft.«
Larry war enttäuscht. Das Posting hatte sie gerade vor zehn Minuten geschrie­ben, und so chattete er sie an. In Neusee­land war es noch Sonntag abend. Er fragte
»Wie meinst Du das mit den Schmiere­rei­en?«
Sie erzählte ihm von nervigen Rich Kids, die eine Art eine Industrial-Label in ihrer Nachbarschaft betrieben, mit 3-4 Bands, die in der Regel vor höchstens 20 Zuschau­ern auftraten. Gegen all das hatte sie auch gar nichts, sie störte nur, dass sie wohl überaus penetrant überall ihr Logo hin sprühten. Das ganze Viertel sei damit über­sät. Sie schrieb sich fast in Rage, an welchen möglichen und unmöglichen Orten sie das Logo schon gesichtet hatte. Und endete mit den Worten
»Und jetzt geh ich tanzen. Hier ist ein Link zu deren Website, falls es Dich aus irgend­welchen Gründen interessieren könnte.«
Larry wünschte ihr viel Spaß. Er ging duschen. Graffiti-lie­bende verwöhnte Teenager aus Neuseeland, na klasse. Das war wohl so ziemlich das absurdeste, was er Trisha erzählen könnte. So konnte das mit dem versprochenen Fick nichts werden.

Nach dem Frühstück warf er trotzdem einen Blick auf die Seite es Labels. Seine Hoffnung war, dass sie vielleicht einen be­stimmten Bezug zu dem Logo hatten, was ihn weiter­bringen könnte. Aber die Seite war ziemlich langweilig gestaltet, das Logo prangte fett auf jeder einzelnen Seite. Zum Schluss klickte er auf Concerts. Und staunte. Eine der Bands gastierte gerade in Deutschland. Binnen 3 Wochen hatten sie vier Auftritte, je einen in Frankfurt, Hanno­ver und zwei weitere in Berlin. Drei der Clubs kannte Larry, es waren kleine Schuppen, in denen man auf Eintritt spielte. Dies waren keine profes­sio­nellen Musiker, vielleicht hatten ihnen die Eltern einen Deutschland-Trip zum Schulab­schluss ge­schenkt und mit dem Exoten-Bonus Neuseeland hatten sie sich die Gigs organisiert. Larry sah sich ihr Demo­video an und fand seine Einschät­zung bestätigt. Eine Mixtur mit Anklängen an 80er-Industrial, ein bisschen weichgespült, mit zeitgenössischen Beats unterlegt.

Was sollten die mit Trisha zu tun haben? Seinen Wissens nach stand sie nicht auf Industrial, erst recht keinen hippiesk weich­gespülten Industrial. Aber sie waren in Frank­furt gewesen vor einer Woche. Und da war Trisha wohl durchaus öfters. Waren sie sich irgendwo in einem anderen Club be­geg­net? Die Neuseeländer hatten in einem kleinen studentischen Club gespielt, den Larry eher als Location für Songwriter und ähnliches einordnete. Dort wäre Trisha be­stimmt nie hingegangen. Aber wenn, hatte sie sich auf einen von ihnen eingelassen? Gerüchteweise stand sie ja auf jüngere Män­ner. Eifersucht stieg in Larry empor. Aber wieso wusste sie von alldem nichts mehr? Wurde sie von ihnen verge­wal­tigt?

Larry öffnete die Webseite der The Toilette Dog Fuckers. Und in der Tat hatten sie am gleichen Abend wie die Neuseeländer in Frankfurt gespielt. Zwar im Ostviertel und damit recht weit entfernt von den Neusee­ländern, aber ... Mit einem Mal hatte Larry das Gefühl auf der richtigen Spur zu sein. Und auch wenn ihm klar wurde, das er die wahre Geschichte lieber nicht hören wollte, konnte er sich nun auf die Begeg­nung mit Trisha freuen. Er schrieb ihr ganz kurz: "Hol mich um acht vorm Club ab!!!"

MONTAG ABEND
Pünktlich um acht kam sie mit quiet­schenden Reifen um die Ecke. Larry stieg ein.
Sie fragte
»Hast Du was für mich?«.
»Ich kann Dir eine absurde Geschichte er­zählen.«
»Na dann.«
Sie sprach während der Fahrt nicht mehr, in Anbetracht ihres Fahr­stils war das Larry auch ganz recht. Sie hatte eine kleine Wohnung am Stadtrand. Ein langhaariges, vierbeiniges Monstrum kam auf Larry zugelaufen und sprang schwanz­we­delnd freudig an ihm hoch. Trisha zeigte ihm das das Wohnzimmer. Auf einem klei­nen Tisch standen Cola-LIght, zuckerhaltige Cola und eine Schale mit Keksen.
»Leg los!«,
forderte sie ihn auf. Larry erzählte von den Neuseeländern. Trisha hörte schweigend zu, an ihrer Mimik und in ihren Augen las er, dass er die richtige Geschichte erzählte, und das sie zwischen Wut und Traurigkeit schwank­te. Als er fertig war verschwand sie im Bad. Er vernahm Geräusche zwischen Würgen oder Kotzen. Nach einer längeren Weile, während der er mit ihrem Hund spielte, kam sie zurück. "Steh auf!" Larry erhob sich. Sie stand vor ihm, schaute ihm in die Augen. Nach einer kurzen Weile,  Larry unendlich lang vorkam, huschte der Ansatz eines Lächelns über ihre Lippen. Trisha umarmte seinen Hals und küsste ihn.

[…]

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Larry Rottan – Kurzgeschichten 1998–2008

»… eine Kreuzung von Groschen-Detektiv-Romanen und der gelungenen Persiflage auf den amerikanisch-literarischen Hip-Trash.«
Sara v. Jan, Giessener Anzeiger

»In seinen Short storys sind Männer, Frauen, Kinder nur degenerierte, leere Hülsen inmitten einer absurden Welt aus ständigem Fernsehen, Alkohol und schlechter Ernährung. Die tendenziell pornographische Fiktion eines krass gezeichneten Asozialen-Milieus läßt den ziel- und auch machtlosen Protagonisten nur einen Lebenszweck: Sie werden benutzt für unabwendbaren, drastischen Sex ohne jede Art von Liebe.«
F-J Michnacs, Schriftsteller

17 Kurzgeschichten
120 Seiten

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aus Larry Rottan – Kurzgeschichten 1998–2008

Der Poet und das Finanzamt

veröffentlicht in Syntax Acut Nr. 1, 2001

Damned! Noch 3 Tage. Larry verzweifelte. Die Einkommenssteuererklärung. Nur noch 3 Tage. Das wäre Montag. Wie üblich, Finanzamtsfristen laufen immer so ab, dass sie einem das Wochenende versauen. Genauso kommen Schriftstücke vom Finanzamt immer Samstags. Damit sie Dir ein schlechtes Gewissen verschaffen können. Alles durchdachter Psychoterror. Larry füllte die ersten Felder aus. Steuernummer, irgendwo musste die doch zu finden sein. Seit fast 10 Jahren plagte er sich mittlerweile mit dieser Institution herum, hatte einen Haufen Schulden bei denen, was Grund dafür war, dass wohl in diesem Leben ihm keine Bank jemals eine Kreditkarte zur Verfügung stellen würde.

Und es gab noch ein Problem. Montag war Redaktionssitzung dieser neuen Literaturzeitschrift, für die Larry schrieb. Und Montag war auch Redaktionsschluss und er hatte seinen Beitrag noch nicht mal angefangen. Keine Zeit, keine Ideen, Kopfschmerzen, guter Film im Fernsehen, es gab immer einen Grund in letzter Zeit das Schreiben hinauszuzögern. Dieses Wochenende hatte er sich freigehalten für seine Story, aber nein, stattdessen Finanzamt. Ein Würgen durchschüttelte ihn. Gut, schon gut, erstmal einen Wodka. Wo soll denn da Inspiration herkommen? Alles Psychoterror. OK, heute ist Freitag abend, wenn ich schon mal anfange, hab ich am Wochenende mehr Zeit. Zwei Stunden später hatte er einige Zahlen beisammen, das beiliegende Erklärungsschreiben zum Ausfüllen des Formulares gelesen, ein paar Wodka getrunken, die Schnauze voll. Larry ging in seine Lieblingskneipe.

Dort angekommen nahm er an der Theke Platz. Zum Glück nichts los hier, dachte Larry und bestellte ein Bier. Die Musik lenkte ihn ein wenig von seinen trüben Gedanken ab, trotzdem gesellte sich Kolkowski zu ihm und fragte, was denn los sei. Larry klagte sein Leid. Und siehe da, Kolkowski ging es änhlich. Sie steigerten sich in wilde Theorien und Parolen rein, erst ein durchgereichter Joint dämpfte wieder ihre Gesprächslautstärke. Teufelszeug. Paff! Die Erkenntnis, die Idee. Larry strahlte und bestellte eine Runde Wodka. Das war's. Damit müsste man doch reich werden können. Ein Buch schreiben. Ein Handbuch. 10 todsichere Methoden seinen Finanzamtsachbearbeiter umzubringen. Das müsste ein MegaBestseller werden. Dann könnte er sich auch einen Steuerberater leisten.

Mittlerweile war die Idee allgemeines Thekengespräch geworden und alle trugen ihre Gedanken bei und freuten sich über alle Gehässigkeiten. Insbesondere die Wirtin lauschte gespannt, nicht zuletzt gab es fast niemanden, der keine Probleme mit dem Finanzamt hatte. Larry war sich immer sicherer, dieses Buch wird ein zeitloser Bestseller. Erst mal wurde es ein schöner Abend.

Samstag 17 Uhr. Aua war das erste, was Larry denken konnte. Was ein Schädel. Und der Magen war auch nicht freundlich gestimmt. Aber sofort war die Idee mit den 10 todsicheren Methoden seinen Finanzsamtsachbearbeiter umzubringen wieder präsent. Scheisse, warum hatte er kein Diktiergerät gestern mitgenommen. Da kamen bestimmt mehr als 10 Ideen zusammen, aber jetzt konnte er sich an keine mehr erinnern. Und da lag noch diese beschissene Steuererklärung rum. Egal, morgen ist auch noch ein Tag. Er packte das Zeugs zusammen, legte es auf eine freie Fläche auf den Fussboden und frühstückte erstmal. Dann nahm er ein Stück Papier zur Hand und dachte nach. 10 Methoden für einen Mord. Das hörte sich gestern noch ganz einfach an. Aber heute? OK, Idee eins war klar, hatte er schließlich mal geträumt. Da war er mit einer Pistole in der Hand in das Zimmer des Sachbearbeiters gegangen und hatte ihn erschossen. Dummerweise war er danach aufgewacht, sodass die Fluchtvariante also noch erdacht werden musste. Nun ja, immerhin ein Anfang. Erstmal Ideen sammeln, und schauen in welche Richtung das Ganze ging.

Methode zwei müsste was mit Gift sein. Das war elegant, hatte Stil und kann so schwer nicht sein. Gift bekommt man immer wo her, mann muss nur das Opfer dazu bewegen, es auch einzunehmen. Methode drei, fiel ihm sofort ein, was ähnliches. Die Nummer mit Luft in die Venen spritzen hat noch in jedem Krimi funktioniert. Macht auch weniger Krach als Methode eins, also eventuell als Variante 1a oder 1b klassifizieren. OK, neue Methode drei. Was aus der Ferne diesmal. Briefbomben waren nicht mehr in, also warum nicht wiederbeleben. Eine Anleitung so'n Ding zu basteln müsste doch im Internet zu finden sein. Larry schaltete nebenbei den Rechner ein. Methode vier war was spezielles, für Sachbearbeiter älteren Jahrgangs. Wie wär's denn mit der Idee eine Prostituierte zu beauftragen, den Typen solange zu ficken bis er einen Herzinfarkt bekommt? War das strafbar? Herzinfarkt muss zwar nicht unbedingt tödlich enden, aber als Strafmaßnahme trotzdem nicht zu verachten. Buchtitel versprechen ja meistens mehr als sie halten.

So, da waren schon mal ein paar Ideen zusammen. Recherche war nun angesagt. Online gehen, erstmal Post checken, dann zur Suchmaschine. Vielleicht mal nach Bombenbauanleitungen suchen. Gibt's bestimmt, hatte er auch schon mal irgendwo gesehen, aber auch in Deutsch?

Also, für den Bau einer Briefbombe benötigt man Brief, Magnesium, Eisen und Aluminium. Für eine Briefbombe benötigt man also einen Brief. Logisch, hätte man selbst drauf kommen können. Der Rest hört sich an wie eine Mineralstoffsammlung aus der Reformhauskost. Richtig gehend gesund. Weiter im Text. <Zitat> Durchführung: Zuerst mußt du eine milde Thermit-Mischung herstellen. Dazu verwendest du 75% Aluminiumpulver und 25% Eisenpulver. Diese Mixtur wird in einem geschlossenen Raum (Briefumschlag) sehr heiß brennen. Kauf einen doppelt beschichteten Briefumschlag oder stecke zwei Briefumschläge in einander. Fülle in den inneren Briefumschlag das Thermit und in den äußeren Magnesiumpulver. Da ist deine Bombe! <Zitatende> Das hört sich ja ganz einfach an bislang. Da kommen einem doch Gedanken in den Kopf. Larry las weiter.

<Zitat> Das Zünden ist kompliziert und schwer zu beschreiben. <Zitatende> Aha, jetzt kommen die Haken. <Zitat> Du solltest ein paar Experimente machen, bevor du die Bombe einsetzt. <Zitatende> Wem um alles in der Welt kann man eine Briefbombe zum Experimentieren schicken. Vielleicht dem nervigen Frührentnerpäärchen, dass neben seiner Stammkneipe wohnte und sich beschwerte, wenn er auf dem dortigen Parkplatz an ihre Hauswand pinkelte? <Zitat> Als Zünder brauchts du einen berührungsempfindlichen Sprengstoff. Forme den Sprengstoff zu einer langen Schnur. (Füll die Kristalle in einen Schlauch, oder ähnliches) Verschließe den inneren Umschlag mit dem Thermit. Lege jetzt die Sprengstoffschnur über den geschlossenen Umschlag und in das Magnesiumpulver. Es ist besser, wenn ein paar Bahnen über den anderen Umschlag liegen, damit es beim Öffnen auch sicher hochgeht (Aber auch sichergehen, das genug Schnur im Magnesium liegt). Verschließe nun den zweiten Umschlag sehr vorsichtig. <Zitatende> Berührungsempfindlicher Sprengstoff. Hört sich plausibel an. Der arme Postbote. Besser der weiß von Nichts. Larry suchte weiter und wurde fündig <Zitat> Die Herstellung von berührungsempfindlichen Sprengstoff. Material: Jodkristalle, Ammoniak. Durchführung: Fülle die Jodkristalle in das Ammoniak, bis sie sich nicht mehr auflösen. Gieß das überschüssige Ammonik aus und trockne die Kristalle an der Luft <Zitatende> Das hört sich schon eher nach Chemie an. Jod ist OK, fressen schliesslich auch Wellensittiche. Ammoniak muss der Beschreibung nach was Flüssiges sein. Kann man das in der Apotheke kaufen? Fällt das auf? Das werden wir auch noch in Erfahrung bringen, dachte sich Larry. Für den Moment reichte ihm dieses Material. Wenn das Buch vollendet ist, wirds nicht nur ein Bestseller, sondern bestimmt ein Standardwerk für Gebrauchsphysik und -chemie. Darauf ein Bier.

Larry machte eine Pause und warf ein Schnitzel in die Pfanne. Etwas dazuzukochen war er zu faul, obwohl die Kopfschmerzen schon längst euphorischen Gedanken von anstehenden Triumpfzügen gewichen waren. Das ganze Essen verschmolz mit einem Tagtraum, der mit einem viel zu warmen Wodka endete. Es war noch etwas zu früh, in die Kneipe zu gehen. Und Larry, stolz auf sich, bekam obendrein noch einen Vernunftsanfall. Erst spülte er Teller und Besteck ab, obwohl es erst höchstens eine Woche in Benutzung war, wischte auch den Tisch ab und wühlte wieder diese Steuererklärung hervor. Mit dem Gedanken, dass sein Finanzamtsachbearbeiter bestimmt nicht mehr lange Freude daran hätte, füllte er alle Felder aus, einigermassen realitätsnah, im weitesten Sinne, und war zum Glück nur leicht geschockt über das Ergebnis. War zwar schon 'nen Haufen Kohle, andererseits hatte er auch Schlimmeres befürchtet. Wenn das mal so durch geht. Er fand sogar einen Briefumschlag incl. Marke.

Kurz darauf stapfte er Richtung Kneipe. Wie immer, wenn er einen Brief einwerfen wollte, hatter er es bis zum 50m entfernten Briefkasten vergessen. Für manche Briefe hatte er Wochen benötigt um sie endlich einzuwerfen. Jetzt betrachtete er die Menschen auf der Strasse, und überlegte, wer von ihnen denn vielleicht beim Finanzamt angestellt sein könnte. Und es gibt Tage an denen macht es einfach Flash. Heute schon, bevor er das Lokal erreicht hatte. God damned. Sie waren gestern stillschweigend von männlichen Finanzamtsachbearbeitern ausgegangen. Was war mit Finanzamtsachbearbeiterinnen. Frauen konnten schließlich auch gemein sein und außer dem Auftritt einer Prostituierten kam noch kein Sex im Buch vor. Nein, Larry, so geht das nicht, ein Buch ohne Sex kann man nicht verkaufen. Fühlen Finanzamtsachbearbeiterinnen etwas im Bett? Oder geht ihnen eher auf dem Schreibtisch einer ab. Kann man so einer einen vergifteten Dildo unterjubeln? Oder mit Sprengstoff versehen. Das war neu, eine Dildobombe. Oder Sexbombe. Eine neue Interpretation dieses Wortes. Ha, Ideen kamen auf. Schade, der Weg zur Kneipe war viel zu kurz.

An der Theke Platz genommen wurde Larry sofort mit anderen Gesprächsthemen konfrontiert. Über das Buch sprach keiner mehr, auch niemend über Finanzamt und auch niemand über Sex. Schließlich war Samstag und die heutigen Fussballereignisse liessen wieder mal Alltagsthemen wie Sex und Geldsorgen in den Hintergrund treten.Der Abend war ok, und Larry ging ziemlich früh nach Hause; es dämmerte noch nicht einmal.

Sonntag mittag ertönte der Wecker zum ersten Mal. Selbstverständlich viel zu früh um aufzustehen. Nein, Larry versuchte mal wieder, sein Unterbewusstsein zu befragen. Also schnell den Wecker eine Stunde vor gestellt, und wieder unter die Bettdecke. Entspannt an eine Finanzamtsachbearbeiterin denken. Ziel der Unternehmung war, den Tagtraum in einen realen Traum übergehen zu lassen. Das brachte immer gutes Material für eine Geschichte, solange er sich auch an den Traum erinnern konnte. Diese Zeremonie versuchte er über mehrere Stunden, es gelang ihm auch jedesmal direkt einzuschlafen, doch Traum 1 endete mit einem Fussballspiel, Traum 2 war nicht ganz definierbar und hochgradig abstrus, in Traum 3 hatte Larry zwar Sex, aber die Kleine war alles andere als eine Finanzamtsachbearbeiterin. Ausserdem kein potentielles Mordopfer.

Der Wecker ertönte wieder, die Nachbarn waren wohl auch etwas genervt von dieser Zeremonie, schliesslich benutzte er immer ein Kurzwellenradio mit schrillsten Geräuschen als Wecker, bei maximaler Lautstärke. Zum Glück hörte das Gerät automatisch nach 10 Minuten auf, sonst hätte ihm wahrscheinlich schon längst mal jemand die Tür eingetreten, entweder um ihn entnervt zu verprügeln oder zu gucken, ob er noch lebte. Diesmal jedoch stellte Larry erschreckt fest, dass es Zeit wurde zum Sonntagsbäcker zu gehen, die letzten Brötchen abzustauben. Schliesslich machte der Laden schon nachmittags dicht.

Zum Frühstück widmete sich Larry erst mal den aktuellen Sportmeldungen. Aber nichts spannendes an diesem Nachmittag. Er dachte daran, die beiden Sonntagsspiele der Bundesliga in seiner Fussball-Guck-Stammkneipe anzuschauen, entschloss sich jedoch dazu, lieber weiter zu recherchieren und schreiben. Rechner anschalten, kurz Mails checken, nix dabei, Textverarbeitung aufrufen. Alles auch nicht erotisch, dachte er nebenbei. Ist Schreiben überhaupt erotisch? Bei Tageslicht wohl eher nicht. OK, erst mal Bestandsaufnahme, was haben wie denn?

MordMethode 1,
im folgenden MM1 genannt:
Erschiessen
Vorteil: Hohe Treffsicherheit
Nachteil: schlechte Fluchtmöglichkeiten

MM2: Luft in Venen pritzen
Vor- und Nachteile wie M1

MM3: Vergiften
Vorteil: wird nicht so leicht entdeckt
Nachteil: Trefferquote ungenau

MM4: Briefbombe
Vor- und Nachteile wie M3

MM5 (für Senioren):
Ficken bis zum Herzinfarkt

MM6 (für Frauen):
vergiftetes/explosives Sexspielzeug

Auf seiner Liste standen desweiteren auch noch einige Terrormethoden, im folgenen TM genannt. Diese waren zwar auch in keinster Weise tödlich, aber so für die kleineren Ärgernisse vielleicht ganz nützlich:

TM1 EMailBomben
leicht zu realisieren, keine Entdeckungsgefahr, solange sich keine Flühtigkeitsfehler einschleichen

TM2 Kakerlaken
altbewährt, nicht unriskant in Hinblick auf Entdeckung, muss nicht weiter erörtert werden.

Wenn man Fotos von Finanzamtsachbearbeiterinnern hat, könnte man natürlich auch nette Nackt- und Pornofakes erstellen. Alles keine grosse Kunst. 20 Ausdrucke, hochglanzbunt anonym an die Mitarbeiter im Flur geschickt. Zero Problemo. In digitaler Bildbearbeitung kannte sich Larry einigermassen aus, schließlich hatte er sich auchschon mal mit Celeb Fakes versucht

Larry dachte gerne an Sex, schrieb auch gerne darüber, aber das mit den Finanzamtsachbearbeiterinnen erregte ihn nicht sonderlich, nein, überhaupt nicht. Es war zum verzweifeln. Jemand hatte mal den Spruch abgelassen, er wichse auf das Finanzamt. Wie ging das? Welche Phantasien hatte dieser Mensch, die Larry nicht hatte? Je länger er darüber nachdachte desto entnervter wurde er, war das Projekt doch so eine gute Idee, wie er anfangs glaubte. Würde es nicht sogar die Leser eher davon abhalten, ihren Finanzamtsachbearbeiter umzubringen, war dieses Buch gar die beste Schutzmassnahme für diese Wesen? Larry Rottan als Retter der Finanzamtsachbearbeiter, und Retter der Finanzamtsachbearbeiterinnen? Bbbbrrrrr. Es duchschüttelte ihn, die Leber verlangte nach Wodka, die Blase wollte entleert werden, alle Körperteile signalisierten irgendwie
»Lass die Finger davon«.

Stunden später. Der Bierdeckel langsam voll mit Kreuzen und Kringeln, war Larry wieder optimistisch. Er hörte den Klagen des Wirtes zu, dem sein Finanzamtsachbearbeiter wieder mal die Einnahmen der letzten Tage gepfändet hatte. Und das Buch musste doch geschrieben werden. Es war seine gottverdammte Aufgabe, den Menschen einen Weg aufzuzeigen, sich von einem grossen Leid zu befreien. Larry grinste in sich hinein und wusste, dass er hier einmal lebenslänglich Freibier haben würde. Heute bezahlte er noch einmal seinen Deckel.

Den Abgabetermin bei dem Literaturmagazin konnte Larry natürlich nicht einhalten. Aber warum für eine kleine Zeitschrift was schreiben wenn man den MegaBestseller des Jahrhunderts im Kopf hat.

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Wolf D. Schreiber – Poetry 1986–2008

Wurze des Waldes und
walte der Wurzel mit Würze

Wilde die Warze und
warte der Wilden mit Würde

Ja, Freiheit ist ein edel Stück
und Sprache mehr
als Gold der ganzen Welt

O Seufzen, Heulen, Herzenschall
O Tannenbaum
O Ochsenfleisch

Gedanken sind nicht nur
zum Denken da

 

68 Seiten

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Larry Rottan Bücher im Pop Up Shop Gießen

Larry Rottan – The Louisa Trilogy und Larry Rottan – The Trisha Trilogy sind auch erhältlich im Pop Up Shop Gießen der Raumstation3539 in der Grünberger Str. 22 in Gießen.

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2001 – 2003: Syntax Acut Ausgabe 1-4

Herausgeber: Harald Schätzlein
Redaktion: Jörg Brixel, Eckhard Martin, Florian Michnacs, Hess Paul, Wolf D. Schreiber
ISBN 3-932917-37-5, 3-932917-40-5, 3-932917-42-1, 3-932917-44-8

Cover Syntax Acut

Die Ausgaben der Literaturzeitschrift Syntax Acut bestanden aus jeweils 3 Teilen: einem literaturtheoretischem Teil, dem von Florian Michnacs und mir betreutem LahnBeat-Teil, sowie Byzanz Total, die zuvor als eigenständige Literaturzeitschrift erschienen war.

Von mir enthaltene Textbeiträge:
Ausgabe 1:
syntax acut 1.0 (Computergenerierte Literatur- und Sprachphänomene im deutschsprachigen Internet)
Larry Rottan – Der Poet und das Finanzamt

Ausgabe 2:
{ X | X ∈ Denk An Was Schönes } (Hörspieltext)

Ausgabe 3:
<titel>Deutscher Harbst 2002 – Leberwurst und Bratkartoffeln

Ausgabe 4:
Larry Rottan – Wissenschaft komt in die Stadt

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Cover Kaltland Beat

1999: Die Geschichte »Last Exit Autobahnauffahrt« erscheint in der Anthologie »Kaltland Beat«

Boris Kerenski / Sergiu Stefanescu (Hg.): Kaltland Beat: Neue deutsche Szene.
Vorwort v. Peter O. Chotjewitz.
Ithaka Verlag Stuttgart, Stuttgart 1999.
392 Seiten, 20,30 EUR.
ISBN-10: 3933545072

Das Rezensionsforum literaturkritik.de schreibt in der Ausgabe Nr. 7 aus dem Jahre 2000:
… "Social Beat" lautete ein diffuses Schlagwort, das in den 90-er Jahren des letzten Jahrhunderts durch den Untergrund geisterte: Eine anti-elitäre Literatur im Geiste von Brinkmann und Bukowski sollte mit bildungsbürgerlichem Phrasentum aufräumen und einer dissidenten Verbreitungs- und Aufführungspraxis von Dichtung zu ihrem Recht verhelfen. […]

Die jungen, größtenteils männlichen Schreiber wollten keine poetischen Schönheitswettbewerbe gewinnen oder ihre Texte bei Kaffeekränzchen in der Esoterik-Ecke einer alternativen Buchhandlung vorlesen, sondern sich an die soziale Wirklichkeit halten. Diese schonungslos und spontan durch die Gedichte und Prosastücke schillern zu lassen, war und ist das erklärte Ziel - "naturalismus pur, ungekuenstelter stil - praktisch nur das, was passiert", fordert der Trash-Dichter Enno Stahl. […]

Einen Überblick über die literarischen Formen, die Geschichte und Teilaspekte sowie einen Blick in die Zukunft des "Social Beat" bietet nun eine Anthologie: "Kaltland Beat - Neue deutsche Szene" heißt der dichtbedruckte Band, der von Boris Kerenski und Sergiu Stefanescu als repräsentativer Querschnitt herausgegeben wurde. In dieser Standortbestimmung finden sich neben zahlreichen Gedichten und Prosatexten von bekannteren und unbekannteren Autoren auch an die Avantgarden angelehnte Manifeste ("Heidelberger Trans-Realismus" von Olaf Bilius), theoretische Aufsätze zur Subkultur (Rolf Schwendter und Rolf Lindner) und zur einzelnen Dichtern (Ralf Bentz über Rolf Dieter Brinkmann). …

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Nicht mehr erhältlich:

Larry Rottan in Wonderland (Tag 1)

veröffentlicht in Byzanz Total #4, 1996

Larry Rottan schlenderte die schmalen Gassen aufwärts zum Musenkloster. Musenkloster war sogar bis vor Jahrzehnten ein richtiges, also katholisches Kloster gewesen, wurde damals aber in den Zeiten der Auflösung aller christlichen Kirchen in den Besitz der Stadt überführt. Nun ist Musenkloster der städtische Tempel der Kulturarchive und Heimatmuseen. So auch des CD-Hüllen-Archivs, europaweit einmalig, das CD-Hüllen aus der Antike bis zu den heutigen Neuentwicklungen und Prototypen besaß. Larry hatte mal wieder einen Job, eine populärwissenschaftliche Fotoreportage für ein Musikmagazin zu verfassen.

Es war selten, dass Larry in letzter Zeit einen derart aufwendigen und lukrativen Auftrag bekam. Die Zeiten für Printmedien schienen sich dem Ende zuzuneigen. Und Larrys Stärken waren das wohlüberlegte Schreiben, er war kein Reporter für Blitzaufträge oder Event-Berichterstattungen. Und er hatte ein Talent für publikumswirksame Fotografien, die einen Moment zum Stillstehen brachten. Aber auch mit Fotos war es heute genauso, in einer Zeit, in der jeder von fast jedem existierenden Archiv spannende und effektvolle Videopräsentationen auf seinem Computer abrufen konnte, zumindest solange er auch die nötigen Kosten für die tele-kommunikativen Einrichtungen aufbringen konnte.

Nun gut, Larry hatte den Auftrag ergattert, einen Vorschuss für die Spesen erhalten, konnte damit einen Teil seiner dringendsten Schulden bezahlen und war somit relativ gut gelaunt. Ein Zustand, der bei ihm in letzter Zeit ebenso selten vorkam wie Bargeldeingänge. Aber jetzt war er wenigstens für einige Tage - immerhin reichte das Geld, um sich für fünf Tage in einer kleinen Pension, die obendrein ziemlich zentral lag, einzuquartieren - von seiner Heimatstadt und damit von seinen täglichen Problemen entfernt. Und fünf Tage sollten doch, verdammt nochmal, ausreichen, um die eigenen Probleme in den Griff zu kriegen und nebenbei die vielleicht letzte Möglichkeit zu nutzen, eine Fotoreportage zu schreiben, die Nachfolgeaufträge mit sich bringen könnte

Immerhin hatten sie ihm einen Monat Zeit gegeben und ein Spesenbudget für 21 Tage. Nun ja, fünf Tage müssen also reichen.
„Guten Tag, Sie wünschen?". Larry war überwältigt. Kaum hatte er an der Tür des CD-Hüllen-Archivs geklopft, das sich in einem Seitenflügel des Musenklosters befand und somit einen separaten, weit abseits vom Haupttor gelegenen Eingang besaß, als diese Frau ihm öffnete. Mittelgroß, mollige Hüften und üppige Brüste, die sich zwar unter einem hochgeschlossenen Kleid befanden, aber dieses Kleid ließ fast alles erkennen und noch mehr erahnen. „Mein Name ist Rottan, Larry Rottan", antwortete er, ohne die Blicke von ihren Brüsten zu lassen. „Ah, der Fotoreporter, kommen Sie rein. Mein Name ist Hellas, Maria Hellas". Beide lachten, und Maria klärte ihn darüber auf, dass Pater Carlo, der Archivleiter, zur Zeit erkrankt und sie die einzige Mitarbeiterin des Archivs sei und somit seine Ansprechpartnerin. Nebenbei erfuhr Larry, dass Pater Carlo damals, bis zur Auflösung der christlichen Kirchen, wirklich ein Pater gewesen sei und aufgrund seiner außergewöhnlichen musikalischen und bibliographischen Fähigkeiten schnell eine Stellung in der neuen Zeit bekommen hatte. Er war Mitbegründer, eigentlich sogar Initiator dieses Archivs, weil er schon zu klerikalen Zeiten eine kleine Sammlung von CD-Hüllen sein eigen nannte und zudem auch die in kirchlichem Besitz befindlichen wertvollen Stücke retten konnte.

Maria erklärte ihm auch, dass sie um fünf Feierabend mache und dass er bis dahin Zeit habe, sich umzuschauen. Morgen sei aber ihr freier Tag und somit das Archiv geschlossen, aber donnerstags könne er ab neun Uhr weiterarbeiten. Larry dachte erschrocken daran, dass seine letzten Kohlen nur bis zum Wochenende reichen würden, und ob Maria ihm am Samstag nochmal öffnen würde, wagte er im Moment erst gar nicht zu fragen. Wahrscheinlich würde sie ihn steinigen bei dem Gedanken, wegen ihm auf einen freien Samstag zu verzichten, an dem sie sich bestimmt von ihrem Liebhaber verwöhnen lässt. Diese Titten mussten einen Liebhaber haben, eine andere Möglichkeit kam Larry nicht in den Sinn. Höflich und ein wenig verlegen bedankte er sich bei ihr und betrat erst mal schweißgebadet die Archivräume. Erst als er die ganzen Vitrinenschränke und -tische in dem großen Raum sah, alle randvoll mit CD-Hüllen aller Zeiten und die kleinen Tastaturen daneben, um sich die zugehörigen Daten auf ein kleines Display rufen zu können, wurde ihm bewusst, dass im Eingangsbüro, welches äußerst schlicht eingerichtet war, keine einzige CD-Hülle zu sehen war. Wirklich nicht? Er konnte es nur ahnen, nicht beschwören; eigentlich hatte er seine Blicke nicht von der Hellas lösen können, besser gesagt von ihren alles erschlagenden Rundungen. Einige Minuten visualisierte er einen Tittenfick mit ihr, bis ihn die Erkenntnis überkam, dass er endlich mit seiner Arbeit beginnen musste. Zwei Stunden blieben ihm für heute, sich einen genauen Überblick zu verschaffen, auf dem er dann morgen, der gottverdammte unfreiwillig freie Tag, sich ein Konzept für seine Reportage zusammenbasteln würde.

Larry zückte seinen Palmtop aus der Jackentasche. Trotz des sommerlichen Wetters war er froh, seine schwarze Lederjacke zu tragen, denn wie in den meisten Klösterarchiven war es auch in diesem recht kühl. Zweitens konnte er so mit Palmtop und Kleinbildkamera sein gesamtes Arbeitsmaterial bequem unterbringen. Er begann zu notieren: zeitgeschichtliche Unterteilungen - CD-Hüllen der griechischen Antike, des Römischen Reiches, der germanischen Volksstämme, der hawaiianischen Hochkulturepoche, Mongolenzeit (vorwiegend Reise-CD-Hüllen der Dschingis-Khan-Phase), abendländisches Mittelalter .... nach gut einer Stunde hatte er alle Räume durch und nahm einen zweiten Rundgang in Angriff, sortiert nach Werkstoffen. Marmor, gewöhnlicher Stein, verschiedene Rinden, Muscheln, Bambus, Hanf und eine ganze Palette moderner und mittlerweile unmoderner Plastikstoffe.

„Na, schon alles besichtigt?", fragte Maria. Es war kurz vor fünf, und Larry wollte die letzten Minuten zu einem kleinen Plausch mit ihr nutzen, aber mit der Bemerkung „dann sehen wir uns am Donnerstag um neun, ja ?" und „wünsche Ihnen noch einen schönen Tag" wurde Larry schneller zur Tür hinausgeschoben, als er reagieren konnte. Und wieder diese Titten.

Und es machte einfach flash. Jackie Hill, seine letzte Geliebte, schon 8 Jahre her, diese Geschichte. An genau sie erinnerte ihn Maria. Er hatte Jackie schon seit Jahren nicht mehr gesehen, und die Erinnerung an sie verblasste auch immer mehr, aber da waren markante Ähnlichkeiten. Und mit einem Mal war Jackies Bild wieder vor ihm, er konnte sich genau an jedes Detail ihrer Art und auch ihres Körpers erinnern, konnte sich auch daran erinnern, wie glücklich er jedesmal war, wenn sie neben ihm lag, wenn er ihre Brüste liebkoste und sie sich ihm doch immer wieder spielerisch verweigerte. Und er konnte sich an seine ganzen Fehler erinnern, die er damals gemacht hatte. Seine krankhafte Eifersucht, die immer in alkoholischen Exzessen und hochpeinlichen Szenen endete. Larry achtete nicht mehr auf die Sehenswürdigkeiten des kleinen Städtchens. Als er im Bad seines Pensionszimmer unter der Dusche stand, hatte er Maria längst vergessen und wünschte sich ein Wiedersehen mit Jackie herbei. Larry holte sich einen runter.

„Die Schlacht ist dann verloren, wenn du mit drei Zyankali-Tabletten in einem Bunker sitzt und Eva Braun in deinen Armen hältst". Nach zwei Stunden Schlaf entschloss Larry sich zu einer kurzen Wieder-fit-werd-Dusche und entdeckte jenen Spruch auf einer der Kacheln im Bad. Larry entnahm seinem Kulturbeutel einen schwarzen Edding und schrieb auf die Nachbarkachel „Gefühle führen einen auf Irrwege, von denen keiner einen zurückholt. Es ist einfacher, als Junk zu überleben als verliebt zu sein". Mit einem Gefühl von Erleichterung verließ er die Pension, um irgendwo einen Imbiss zu sich zu nehmen. Vereinzelte Geschäfte hatten in der Abenddämmerung noch geöffnet. Ihre Neonreklamen beherrschten das Stadtbild. Eine Drogerie pries elektronische Toilettenspülanlagen samt zugehöriger musikalischer Untermalung dazu an. Ein Dekogeschäft hatte Plastik-Pommes-Frites im Schaufenster. Larry fand einen puertoricanischen Imbiss und zog sich erst mal einige Tacos und zwei Bier rein. Am Nachbarstehtisch unterhielten sich zwei kasachstanische Hausfrauen über ihre Chancen beim bevorstehenden regionalen Gemüseputzwettbewerb. Zum Abschluss gab es einen Fakemaster, ein guaranahaltiger Kräuterschnaps, der in vielen Imbissen kostenlos nach der Mahlzeit ausgeschenkt wurde. Beim Rausgehen fiel Larrys Blick auf ein Tina-Tinetta-Plakat. Ihr Auftritt in der hiesigen Stadthalle war allerdings schon einige Tage her. Larry hatte sie Jahre zuvor in einem kleinen Club gesehen und war begeistert von ihren Schlagern, die Easy Listening und Chanson miteinander verbanden; sie war in der Lage, mit einem kleinen Wortschatz ein immenses Gefühlsspektrum auszudrücken. Und außerdem trug sie auf der Bühne immer durchsichtige Seidenblusen ohne etwas drunter. Diese Masche hatte sie auch gegen den massiver werdenden Widerstand ihrer Plattenfirma durchgesetzt; so wurde sie mittlerweile von den meisten TV-Anstalten boykottiert.

Larry schlenderte die Straße abwärts, vorbei an einer Kondomeria, einer Mineralwasser-Bar, einem Antiquariat für Nachrichtensendungen, einer Praxis für historische Irrtümer und mehreren Apotheken. Aus der letzten Gesundheitsreform resultierte, dass Krankenkassen überhaupt keine Kosten mehr für Medikamente übernahmen. Der Markt wurde von vielen Billigmedikamenten und noch viel mehr Vorbeugemitteln überschwemmt. Als Folge davon entstanden vor allem Discount-Apotheken, zumeist landesweit als Ladenkette nach dem Franchise-Vertriebsprinzip organisiert. Diese Entwicklung führte dazu, dass Medikamente billiger wurden als Lebensmittel und in weiten Bereichen diese ersetzt hatten. In einer dieser Discount-Apotheken erwarb Larry eine Flasche Melissengeist. Dieses Getränk galt immer noch als Medikament und war insofern von der Alkoholsteuer befreit und damit billiger als der billigste Weizenkorn im Lebensmittelladen. Mit der Flasche in der Tasche kehrte Larry zurück zur Pension.

Julia Foster leitete seit einigen Jahren die Pension. Früher hatte sie als Lehrerin in einer Grundschule gearbeitet, aufgrund ihrer Alkoholprobleme aber immer mehr Schwierigkeiten in ihrem Job bekommen: Als eine entfernte Tante starb und ihr die Pension vermachte, gab sie sofort ihre Arbeit auf, um sich diesem Laden zu widmen. Ihr Mann hatte zu dieser Zeit Selbstmord begangen, weil sie ihn nicht mehr ausreichend befriedigen konnte. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters hatte sie ein Faible für alle neuen Körperschmuckmoden. Larry war überrascht, dass sie Animalizing (eine Technik, bei der tote Insekten mit der menschlichen Haut verschweißt werden) bevorzugte. Julia trug am Dekolleteansatz eine kleine schwarze Spinne und auf dem Nasenrücken eine schwarze Fliege. Er setzte sich zu ihr in den Frühstücks- und Fernsehraum und bot einen Fakemaster an. Sie prosteten sich zu. Im TV lief eine „Eine Ärztin auf einer Nordseeinsel" - Serie. Larrys Blicke saugten sich an der schwarzen Spinne fest.

„Ich liebe es, wenn jemand auf meine Titten starrt", sagte Julia und entblößte ihre Brüste: „Weißt Du, Blicke erzeugen innere Wärme". Ein wenig verlegen zerrte Larry eine Zigarette aus der Tasche, zündete sie an, nahm ein paar tiefe Züge und starrte. Sie tranken einige Fakemaster. Julia konnte nicht aufhören, Larry in die Geheimnisse dieser TV-Serie einzuweihen und achtete penibel darauf, dass seine Blicke nicht von ihren Titten wichen. Als die Serie mit einer Blasmusikhymne ausklang, hatte sie einen Orgasmus. „Frühstück gibt es von neun bis elf." Mit diesen Worten stand Julia auf und verabschiedete sich. Larry wusste nicht, wo er hinschauen sollte.

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Larry Rottan in Wonderland (Tag 2)

veröffentlicht in Byzanz Total, 1997

Kurz vor 11. Larrys Wecker läutete bestimmt zum 12ten Male. Glieder strecken, Beine unter die kalte Dusche halten, Klamotten über. Punkt 11 erschien er zum Frühstück. Julia Foster begrüßte ihn mit einem herzlichen „Guten Morgen" und stellte Kaffee und Croissants auf den Tisch. Im Fernsehen lief wieder eine Folge von „Eine Ärztin auf einer Nordseeinsel". Es war die Wiederholung von gestern Abend. Julia trug immer noch ihren Morgenmantel, der die üblichen Einblicke gewährte. Sonst war niemand mehr da. Die anderen Gäste waren Vertreter verschiedener Firmen, die auf einer großen Verkaufsschau der nahegelegenen Metropole beschäftigt waren und dort kein Hotelzimmer mehr bekommen hatten. Daher verließen sie die Pension auch immer früh am Morgen. Julia musste dieses Publikum langweilen, andererseits, eine Frau, die mit Leidenschaft „Eine Ärztin auf einer Nordseeinsel" verfolgt, könnte sich wohl auch in einen Vertretertyp mit Oberlippenbart verlieben. Stümper zu großen Titten. Larry trank Kaffee, checkte Palmtop und Kamera und nach Studium der täglichen Fußballzeitung beschloss er, zum Musenkloster zu gehen, um sich dort ein wenig umzuschauen. Er wusste, dass er noch vier Nächte in dieser Pension verweilen würde, und die Gelegenheit, mit Julia zu vögeln, würde unweigerlich kommen.

Es ärgerte Larry, heute nicht im CD-Hüllen-Archiv arbeiten zu können; denn je mehr er über seine Reportage nachdachte, desto bewusster wurde es ihm, wie knapp seine Zeit wurde. Erstaunlicherweise hatte sein Auftraggeber noch keinen Vorbericht verlangt. Aber letztendlich konnte er Maria Hellas nicht ihren freien Tag wegnehmen. Nach Verlassen der Pension und durch die kleinen Gassen Richtung Musenkloster schlendernd kam er schnell auf andere Gedanken. Verschiedene Schaufensterauslagen fanden seine Aufmerksamkeit, besonders die der Kondomeria. Bunte, kurze, lange Kondome, Kondome mit verschiedenen, Farben und Kopfformen, eine riesige Auswahl. Der Hit war das Christenverhüterli, ein Kondom mit einem heiligen Kreuz als Kopfform. Die Auswahl erinnerte an die Kühlerfiguren alter amerikanischer Autos. Irgendwann werden wohl Kondome in der Öffentlichkeit als Statussymbol getragen werden. Larry hasste Kondome und versuchte, ihre Benutzung so weit als möglich zu vermeiden. Als Designobjekt hatten sie aber zugegebermaßen ihre Reize. Ob Julia auf Kondome bestehen würde? Die visualisierte Phantasie eines Tittenficks mit ihr ließ seine Hose anschwellen und zwang ihn weiterzugehen.

Larry dürstete es nach einem Drink. Am Getränkestand erwarb er einen Cola-Bacardi; er kippte einen Fakemaster aus seiner Tasche hinterher. Dann entdeckte er den Kiosk des Klosters. Es war ein reiner Reprint-Kiosk, an dem es nur Sechzigerjahrezeitschriften zu kaufen gab. Er blätterte durch eine Kollektion alter HörZu-Ausgaben, las einige Kurzartikel einer Das Goldene Blatt-Ausgabe und kaufte schließlich zwei Perry Mason von Siebenundsechzig. Und er fand einen schattigen Platz im Innenhof des Klosters.

Eigentlich hatte Larry sich vorgenommen, nochmal seine gestrigen Aufzeichnungen durchzugehen, doch in der heißen Mittagssonne fehlte ihm die Motivation. Nachdem er seinen ersten Perry Mason durchgelesen hatte, raffte er sich auf, um ein paar Fotografien zu machen. Musenkloster hatte auch einen kleinen Turm, vielleicht 20 Meter hoch. Da die Tür nicht verschlossen war, stieg Larry die Treppenstufen nach oben. Das Plateau des Turms bot eine wunderbare Aussicht über das Städtchen. In südlicher Richtung stach vor allem ein riesiger fünfeckiger Komplex in die Augen. Dies musste das Zentrum der Donaldisten sein. Vielleicht würde er Zeit haben, einer ihrer fantastischen Beichtshows beizuwohnen. Als nächstes fixierte er mit seiner Kamera die kleine Gasse, die den Weg zu seiner Pension wies. Er konnte alle Läden erkennen, an denen er vorbeigelaufen war. Ein Auto hielt vor der Kondomeria. Eine Frau kam aus dem Geschäft und stieg ein. Es war Maria Hellas.

Larry hatte sich nun in den Biergarten beim Kiosk begeben. Vertieft in einen weiteren Roman bemerkte er Maria Hellas erst, als sie vor ihm stand. „Hallo Larry". Sie setzte sich. „Ich habe gerade Nachricht von der Reisebegleiterin des Paters erhalten. Simon Broccoli, der Hausbote von Musenkloster, hat sie mir vorhin vorbeigebracht. Er ist übrigens auch ein guter Freund von mir." Das musste der Kerl mit dem Auto vor der Kondomeria gewesen sein, schoss es Larry durch den Kopf. „Pater Carlo hat einige CD-Hüllen aus dem russischen Zarenreich aufgetrieben und wird in den nächsten Tagen zurückkehren", fuhr Maria fort. „Es müssen sensationelle Entdeckungen sein, und Sie können der erste Journalist sein, der sie zu sehen bekommt". Sie gab ihm das Fax zu lesen. Es war unterschrieben, so glaubte er zu lesen, mit Jackie Hill. Etwas verwirrt reichte er Maria das Schreiben zurück. „Ich wollte Ihnen das nur schnell zeigen. Seien Sie morgen früh rechtzeitig im Archiv. Leider muß ich sofort weiter". Mit diesen Worten erhob sie sich, ohne dass Larry eine Frage stellen konnte. Und er hatte nur ein einziges Mal auf ihr Dekolleté gestarrt.

Immer noch verwirrt wankte Larry zurück zur Pension. Der Alkohol hatte inzwischen ebenfalls seine Wirkung entfaltet. Julia Foster bereitete gerade das Abendessen vor. Für Larry hatte sie nur ein süffisantes Lächeln übrig. Jetzt half nur eine kalte Dusche. Zwei Stunden später fühlte er sich wieder erholt und obendrein hungrig. Rasiert und frisch eingekleidet verließ er das Zimmer.

Das Abendessen hatte Larry in der Pension eingenommen. Julia Foster bediente alle Gäste mit Schmorbraten, Spinat und Pfefferkartoffeln. Im TV lief eine neue Folge von „Eine Ärztin auf einer Nordseeinsel", Julia trug Jeans und Sweatshirt.

Nach dem Essen fragte er sie über die heutigen Ausgehmöglichkeiten in der Stadt aus. Kneipe war heute nicht sein Metier, er suchte Unterhaltung, ohne selbst kommunizieren zu müssen. Julia gab ihm das aktuelle Kino- und Theaterprogramm, doch nichts davon konnte ihn begeistern. Doch dann hatte sie die rettende Idee.

Ein blau-gelbes Taxi brachte Larry zur Drive-in-Beichte. Der Donaldismus, eine der modernen Religionen, hatte dieses ausgestorbene Ritual katholischer Tradition wiederaufleben lassen. Im Gegensatz zur alten Religion wird die Beichte bei den Donaldisten als öffentliches Spektakel abgehalten, das auch Nicht-Donaldisten zugänglich ist, allerdings nur gegen die Zahlung eines Eintrittsgeldes in der Preisklasse einer Kinokarte. Obwohl er gut gegessen hatte, erwarb Larry einen Cheeseburger, ein Highlight der donaldistischen Drive-in-Beichtcenter. Die Veranstaltung war bereits in vollem Gange. Ein Langzeitarbeitsloser entschuldigte sich bei der tobenden Masse der Donaldisten dafür, daß er lieber morgens „Eine Ärztin auf einer Nordseeinsel" im TV verfolgte, als seine Arbeitsamttermine wahrzunehmen. Eine ältere Dame beichtete, das tägliche Gassigehen mit ihrem Pudel sehr vernachlässigt zu haben, zwei Hausfrauen weinten sich darüber aus, nicht genügend für den regionalen Gemüseputzwettbewerb trainiert zu haben, fünf Kinder gestanden einen versuchten Überfall auf den fahrenden Gummibärchenhändler des Hauptbahnhofs. Larry döste vor sich hin und während ein junger Student seine lüsternen Blicke auf die zweite Kassiererin des Donaldisten-Ortsverbandes eines Vorortes der Menge preisgab, wehrte sich Larry verzweifelt dagegen einzuschlafen. Maria Hellas erzählte tränenüberströmt der empörten Masse, dass ein Fotoreporter gestern auf ihrer Arbeitsstelle andauernd auf ihre Brüste gestarrt und es ihr gefallen habe. Als Sühne öffnete sie für einige Sekunden ihre Bluse und gab allen Anwesenden den Blick auf ihren Oberkörper frei. Auch Maria war animalized und trug einen spiralförmigen Regenwurm um den Bauchnabel.

Es war gegen Mitternacht, als eine brünette Platzanweiserin Larry weckte. Sie gab ihm keine Chance zu einer Unterhaltung, es war Feierabend, und fast alle Anwesenden waren gegangen. Larry erwischte denselben Taxifahrer, der ihn auch hingefahren hatte. Amüsiert über Larrys verschlafenes Outfit fragte er „Langeweile gehabt"? „Nö, die Platzanweiserin war sehr hübsch". Der Fahrer verkaufte ihm eine Dose Eistee aus seiner Kühlbox. Obwohl es verhältnismäßig früh am Abend war, wirkte die Stadt sehr ausgestorben. „Nix los heute" bestätigte der Fahrer. In der Pension angelangt, begab sich Larry in den Fernsehraum.

Julia Foster war nicht zu Hause.

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1. Preis beim Literaturwettbewerb »Gießen geniessen« des »Gießener Magazin Express«, 1997

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Cover Zwischenzeit

1992: Timo Steinert und Wolf D. Schreiber geben den Gedichtband »Zwischenzeit« heraus.

Zu den Autoren gehören u.a. Jörg Brixel, jo FRGMNT Grys, Kommando Bilaterale Initiationsriten b. ohne, Schaetzlein, Wolf D. Schreiber, e. slim und Timo Steinert.

GEDICHTEN IN DEUTSCH (von Wolf D. Schreiber)

Gedichte sprechen oft vom Tod
Ich sprechen auch vom Tod

Gedichte sprechen oft von Liebe
Ich sprechen auch von Liebe

Mythen, verpackt in Plastiktüten
sprechen von Gedichten
Ich sprechen auch von Gedichten
aus Plastiktüten

Autos wie Gedichten finden
sich nicht in Waschanlagen
Ich sprechen von Gedichten
nicht vom Waschen

Gedichte dichten nicht Geschichten
Geschichten wie Gedichten
Gedichten in Deutsch sein schwere Aufgaben
Ich sprechen auch von schweren Aufgaben

Gedichten sprechen oft vom Trinken,
vom Rauschen, von verlorenen Träumen
Ich sprechen auch vom Trinken,
vom Rauschen, von verlorenen Träumen

Gedichten sprechen auch vom Ich
Ich sprechen von Gedichten

 

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