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Hörspiel

{ x | x  Denk an was Schönes }

Hörspiel
Text: Wolf D. Schreiber

Produktion: Bertram B. Ohne
Sprecher*innen: Rebecca Tranter, Der Rote Olli, Bertram B. Ohne
Veröffentlicht im Jahre 2002 in Syntax Acut

{ x | x  Denk an was Schönes }

Fragmente für einen Schriftsteller, ein Radio, ein Wörterbuch
und die typografische Mengenlehre

[ radio minsk, 7210 kHz, düstere klänge durchmischt mit störgeräuschen]

[Schriftsteller]

Denk an was Schönes. Trockene Kälte, schneeweisse, weite Landschaft. Inmitten ein Imbißwagen, mit Stehtisch, freien Hockern – und eisgekühlten Gläsern. Es sind nur wenige hundert Meter dorthin. Langsam nähern wir uns dem Ort der Glückseligkeit. Nur wenige hundert Meter. Eine lange Nacht in der Stadt liegt hinter uns. Nun, in der nebligen Morgendämmerung laufen wir heim zu den eisgekühlten Gläsern. Durstig, verwirrt, irritiert. Das imperialistische Dilemma. Es dauert noch lange bis der Sommer wiederkommt, uns die Glut wieder ersticken läßt, die Angst vor der Hitze. Wenn die Farben von der Sonne ausgedörrt werden und die Erde von Schweiß überschwemmt. Denk an was Schönes, denk an Wodka. So muss unsere Musik klingen. Die Kälte liebt uns. Wenn die Titten bedeckt von weiten, undurchsichtigen Pullovern.

[Wörterbuch]

/* Das imperialistische Dilemma: Ausspruch von Kommissar Hinrichs in seiner letzten Polizeiruf 110 – Folge “Ihr größter Fall”.

[ radio ]

öh öh öh öh ö ö ö öh öhh öhh ö ö öh

[ radio roi wien, 6155 kHz, freudige walzermusik]

[Schriftsteller]

Denk an was Schönes, der Frühling naht, Sonnenstrahlen wärmen unsere Häupter. Noch haben wir Zeit für uns, lass es uns tun. Wir lieben die Zahlen, die Mathematik. Unsere Rhythmen sind linear, Frequenzen in einfachen Brüchen. Wir lieben die Rechtecke und hassen das Runde. Denk nicht an geometrische Inzucht, die abgerundeten Balken werden verrotten. Denk an was Schönes, für uns. Eine Welt mit Schreibmaschinen. Noch können wir atmen ohne zu schmorgeln, ist die Glut so fern. Es ist kühl, ich mag das. Denk an unsere Tänze, Musik lebt. Es ist nicht mehr weit. Viele Texte umschwirren meinen Kopf, wollen eingesaugt werden, verstanden werden. Es ist nicht viel, was ich zu sagen habe. Und lese Deinen Turgenjew auf der Reise. Es gibt keinen Sommer in Petuschki.

[Wörterbuch]

/* Petuschki: Die Reise nach Petuschki, von Wenedikt Jerofejew 1969 geschrieben während der Telefonkabelverlegung in Scheremetjewo. Die Reisenden erzählen sich von der Liebe und haben alle Iwan Turgenjew (1818 – 1863) gelesen.

[ radio ]

öh öh öh öh ö ö ö öh öhh öhh ö ö öh

[ radio deutsche welle, 6075 kHz, eine historische reportage]

Der verhältnismäßig große Wert einer Schreibmaschine läßt oft den Schutz einer Feuerversicherung und einer Einbruchdiebstahl­versicherung nicht genügend erscheinen. Einem weitergehenden Bedürfnis kommt die Schreibmaschinenversicherung nach. Sie deckt jeden Verlust, der aus Diebstahl, Veruntreuung, böswilliger Beschädigung, Aufruhr, Plünderung, Raub, Feuer, Wasserleitungsschaden usw. entsteht.

Eine Abart der Sch. umfaßt das Risiko, das bei dem Verkauf von Schreibmaschinen gegen Ratenzahlung durch vor vollständiger Bezahlung erfolgende Aushändigung an den Teilzahlungskäufer entsteht. Ersetzt wird jede Beschädigung oder Vernichtung, die mit oder ohne Schuld des Käufers entsteht, und jede Veruntreuung. Eingeschlossen sind insbesondere die Feuer-, Diebstahls-, Einbruchdiebstahls- und Bruchgefahr.

Quelle: Handwörterbuch des Kaufmanns, Lexikon für Handel und Industrie; Hanseatische Verlagsanstalt Hamburg und Berlin, 1927

[ radio ]

drussel drussel tä tä tä drus sel drus sel tä tä titi drus sel

[ radio stimme russlands, 7125 kHz, space electro]

[Schriftsteller]

Denk an was Schönes. Geh nicht zu weit weg zu diesen Menschen, die nur über wer mit wem sprechen. Sie wollen Partys feiern und haben Träume, aber keine Visionen. Denk an was Schönes, an unsere Visionen. Wir ergeben uns nicht unserer Körperlichkeit und unseren Trieben. VW Golf rebels in love. Sie ergötzen sich an sexy voices und nennen es Gesang. So never forgot your music. Dein Kopf sagt dir wogegen, Deine Musik sagt Dir wofür. Denk daran, wie es war, die GEMA-Chefsekretärin zu eliminieren. Als sie endlich tot war und wir uns liebten danach. Eine schöne Zeit. Ich war nie glücklicher mit Dir. Weitere Morde müssen folgen. Es schweisst uns zusammen. Liebe und Hass werden zur vollendeten Erfüllung. Und dann werden sie uns nicht mehr unser Geld wegnehemen. Sieh doch, dort hinten ist ein Finanzamt. Möchtest Du eine Frau oder einen Mann abschlachten? Es ist egal, sie dürfen uns nie wieder unser Geld abnehmen. Wir haben gearbeitet. Denk an was Schönes, denk an Wodka.

[Wörterbuch]

/* sexy voices: “Das, was in den credits ‚Gesang‘ heißt, ist hauptsächlich hingestöhntes Genöle (sexy voice, nein danke)… Zusammen mit den unsäglichen Texten ist das alles nur noch affektiert und peinlich bis scheußlich.”
Kiev Stingl in SZENE, Hamburg, Oktober 1979

/* GEMA: musikalische Verwertungsgesellschaft mit undurchsichtigen Geschäftspraktiken. Natürlicher Feind jedes kulturell denkenden Menschen

/* VW Golf: Sinnbild für deutsches Mittelmaß und Durchschnittlichkeit

[ radio ]

öh öh öh öh ö ö ö öh öhh öhh ö ö öh

[typografische Mengenlehre]

{ } bezeichnet die leere Menge
{ { } } ist eine Menge mit genau 1 Element, der leeren Menge

Die Menge der Vokale des lateinischen Alphabets, hier V genannt, kann, wenn B die Menge der Buchstaben des lateinischen Alphabets bezeichnet, beschrieben werden wie folgt:
V = { x | x ∈ B ∧ x ist ein Vokal }

Sie hat die Mächtigkeit n(V) = 5

Für den Konsonanten v gilt:
v ∉ V  sprich: v nicht Element V

Für alle Mengen gilt: { } ⊂ B, d.h. die leere Menge ist als Teilmenge in jeder Menge enthalten. Also enthält auch die Menge der Buchstaben des lateinischen Alphabets die leere Menge.

[ radio ]

drussel drussel tä tä tä drus sel drus sel tä tä titi drus sel

[ radio evangeliumsrundfunk wetzlar, 7160 kHz, choralmusik]

[Schriftsteller]

Denk an was Schönes. Wir haben uns ein letztes Mal geliebt. Es ist Sommer. Der Tag naht. Die eisgekühlten Gläser sind schon lange nicht mehr kalt, der Wodka fast ausgetrunken. Wir müssen gehen. Unsere Vision wartet. Das Kapital können wir nicht vernichten, das wird der Kampf unserer Nachfahren. Lass uns die Kunst vernichten. Heute, in wenigen Minuten. Massen strömen zur Vernissage. Die Kunst der Welt ist versammelt, vor unseren Augen. Schau, sieh diesen silbernen Koffer. Das ist die Bombe. Sie wird alles vernichten. Die Ausstellung, die Kunst und noch viel mehr. Die Kunst der Welt wird nicht mehr dasein. Der Mechanismus ist ganz einfach. Trink noch einen Schluck. Wenn der Wodka alle ist, zündet die Bombe. Wirklich ganz einfach, wir müssen nur den Wodka austrinken. Na Sderowje. Wodka alle, Kunst macht bumm. Wirklich ganz einfach. Schade, dass wir uns danach nicht lieben können.

Denk an was Schönes!